
Genau vor drei Monaten, am Abend des 17. Dezembers, fuhr ich zum Vereinsgelände und stieg in den Sprinter. Alles war bereits für die Nachtfahrt und den Aufenthalt in Zsobok vorbereitet. Nur wenige Wochen zuvor hatte Günther mich gefragt, ob ich Lust hätte, mitzufahren. Ich war sieben Jahre zuvor schon einmal dabei gewesen, daher war meine Antwort sofort klar. Von Seiten der Schule waren meine zwei dadurch bedingten Fehltage schnell organisiert und der Reise stand nichts mehr im Wege. Auf zwei Fahrzeuge verteilt, waren wir eine bunt gemischte Gruppe. So unterschiedlich wir alle waren und sind, hatten wir doch einiges gemeinsam: die Begeisterung für diese Fahrt, die emotionale Bindung an Zsobok und die Freude daran, gemeinsam „on the road“ zu sein.
Ich war sehr gespannt, was mich dort erwarten würde. Beide Autos waren vollgepackt mit Weihnachtspäckchen, die von Aldi Süd gesponsert und von den Murrer Konfirmanden wunderschön gepackt worden waren. Jedoch sollte nur ein Teil davon in Zsobok bleiben. Der andere Teil, nebst etlichen Kisten voller Hilfsgüter, sollte grenznah in die Ukraine gebracht werden. Sollte ich mitfahren? Ich war hin- und hergerissen und ließ das alles erst einmal auf mich zukommen.
Wir erreichten Zsobok am Donnerstagabend. Die Weihnachtsfeier in der Kirche, die mich besonders interessiert hätte, haben wir leider verpasst. Wir waren aber rechtzeitig genug, um am traditionellen Weihnachtsessen der Kinder des Kinderheims mit allen Betreuern und Mitarbeitern teilzunehmen.

Der Freitag war für das Ab- und Umladen der Fahrzeuge sowie für allerlei Organisatorisches zwischen dem Förderverein und Zsobok vorgesehen. Am Vormittag nutzte ich die Gelegenheit, um mit einigen Frauen ins Gespräch zu kommen, Kontakte zu knüpfen und mögliche Kooperationen zu besprechen. So konnte ich unter anderem mit der Heimleiterin Elisabeth sprechen. Wir haben gemeinsam überlegt, wie wir von Seiten der Lindenschule den Ort Zsobok und das Kinderheim sinnvoll unterstützen können. Unser beider Augenmerk lag dabei auch auf dem Aspekt, dass die Kinder einander wahrnehmen und voneinander wissen. Ich habe einige Ideen mit nach Hause genommen, die ich nun innerhalb der Schule besprechen und im Idealfall umsetzen werde.
Auch die Begegnung mit der Musiklehrerin Agnes war sehr herzlich. Wir kamen schnell ins Gespräch und hätten am liebsten sofort ein Programm aufgestellt, das wir gemeinsam mit unseren Musikgruppen einstudieren können, mit dem Ziel, gemeinsam auf der Bühne zu stehen. Natürlich ist uns bewusst, dass dieser Gedanke ein Stück weit utopisch ist, aber es ist trotzdem schön, solche Ideen zu spinnen. Und wer weiß, Agnes war schon einmal mit einer Gruppe Kinder in Murr…

Ganz bezaubernd war auch der Besuch bei Csilla im Kindergarten. Bei Kerzenschein buken die Kleinen voller Begeisterung Weihnachtskekse – und wir durften natürlich probieren! Jedes Kind bekam sein Weihnachtspäckchen und es ging uns allen zu Herzen, dabei sein zu dürfen.

Am Nachmittag fuhren wir mit Istvàn in die Hauptgemeinde Almas. Für mich war diese Fahrt besonders schön, weil ich so ein wenig von der Gegend sehen konnte. Auf einer Anhöhe zwischen Zsobok und Almas sponnen wir auch sofort neue Ideen für ein mögliches Sommerfest. Es ist erstaunlich, welche Ideen eine Mischung aus mehreren Köpfen, einer Ladung Begeisterung und ein wenig Spinnerei zutage bringt.

Am Abend gab es ein kleines Konzert unter der Leitung von Agnes. All ihre Schützlinge setzten sich mutig ans Klavier oder griffen zur Gitarre und brachten sehr rührend ihre einstudierten Stücke auf die Bühne. Im Gegenzug setzte sich Martin, einer unserer Mitreisenden, ans Klavier und brachte die jungen Musiker mit einer grandiosen Klavier-Comedy zum Lachen. Wir waren begeistert zu sehen, welches Talent in dir steckt, lieber Martin!
Das gemeinsame Abendessen aller an der Kooperation Zsobok – Murr Beteiligten war sehr gesellig, voller Gespräche und Gelächter, sodass man das Gefühl hatte, mit alten Freunden zusammenzusitzen. Während ich das schreibe, ist mein Wunsch, einen solchen Abend in naher Zukunft zu wiederholen, sehr stark.

Am Samstag stand in aller Frühe die Fahrt in die Ukraine an. Natürlich fuhr ich dann doch mit. Wir starteten mit zwei Autos und hatten auch zwei Ziele nahe der Grenze. Martin und Samuel fuhren in ein Dorf, in dem Martin Kontakte pflegt. Günther, Istvàn, Csabas Tochter Barbara und ich fuhren in ein Dorf, in dem Istvàn Kontakte hat.

Die Erfahrung an der Grenze war eindrücklich. Wir hatten sämtliche Papiere mehrfach überprüft und wussten, dass damit alles in Ordnung sein musste. Dort wurden sie uns abgenommen und finster dreinblickende Grenzer wanderten schweigend damit hin und her – und wir warteten. Schließlich wurden wir durchgewunken mit dem Hinweis, für die Rückreise viel Zeit einzuplanen, da es an der Grenze mindestens vier bis fünf Stunden dauern werde. Darüber zerbrachen wir uns aber nicht den Kopf, jetzt wollten wir erst einmal nach Wyschkowo gelangen.
Der erste Stopp galt einer Lagerhalle, in der zunächst alle Hilfsgüter zusammenlaufen. Dort mussten wir uns einen Stempel abholen. Niemals hätte man vermutet, dass diese Halle, die doch insgesamt sehr chaotisch und wenig offiziell aussah, ein so wichtiger Checkpoint ist. Kurz vor Wyschkowo hatte man den Eindruck, in der Zeit zurückgereist zu sein. Die Straßen waren eher Lehmpisten und es hingen rudimentäre Stromleitungen frei herum.

Unser Ziel war das Gemeindehaus, in dem uns der Pfarrer mit einigen Jugendlichen empfing. Da wir zeitlich sehr spät dran waren, luden wir nur schnell gemeinsam die Hilfsgüter und Päckchen ab.
Beim anschließenden gemeinsamen Essen erzählte der Pfarrer, dass man den Krieg in dieser Ecke des Landes insofern spüre, dass viele ukrainische Flüchtlinge kämen. Außerdem sei die Bevölkerung von 18.000 auf 8.000 Einwohner geschrumpft, da viele Männer sich ins Ausland abgesetzt hätten, um der Einberufung zu entgehen. Der Kontrast zwischen einfachen Häusern und Straßen auf der einen Seite und schicken Boutiquen auf der anderen war auffallend. Die Vorstellung, dass in diesem Land Krieg herrscht, ist beklemmend.

Zurück an der Grenze waren sich Istvàn und Günther einig, dass wir an der meterlangen Schlange ukrainischer Autos vorbeifahren und es schon irgendwie klappen würde, dass wir die Grenze passieren dürfen. Ich selbst war sehr angespannt, denn die ganze Szenerie hatte eine bedrohliche Ausstrahlung. Istvàn versuchte sein Glück bei den Grenzern, kam aber mit einem Gesichtsausdruck zum Auto zurück, der deutlich zeigte, dass es nicht geklappt hatte. Ich hatte mich bereits auf eine fünfstündige Wartezeit eingestellt, da riss er die Schiebetür auf und meinte, ich solle es auf Englisch versuchen. Dem Anschein nach, selbstbewusster als mir zumute war, ging ich auf die Grenzer zu und versuchte mein Glück. „The car is empty.“ -„We left everything here.“ – „We have to go back to Germany.“ – beeindruckte wenig. „We have our order“, war die Antwort und natürlich war uns klar, dass hier eigenmächtig keine Ausnahmen gemacht werden können. „There is only one thing you can do.“ Und wir witterten unsere Chance. Wir durften das zweite Auto in der Schlange fragen, ob es uns vorlassen würde. Nun folgten Gespräche zwischen den Grenzern, offizieller Aussehenden und mit wartenden Ukrainern, die sich einschalteten. Ich konnte kaum glauben, wie uns von mehreren Seiten geholfen wurde, sodass wir tatsächlich wenige Minuten später wieder in Rumänien waren.
Weniger Glück hatten Martin und Samuel, die gar nicht erst in die Ukraine einreisen durften. Doch auch bei ihnen fanden sich Helfer. Martins Kontaktperson kam an die Grenze gefahren und hatte außerdem rumänische Freunde aus der Gegend aktiviert, die alle Hilfsgüter entgegennahmen. Sehr erleichtert vom allgemeinen Ausgang des Tages trafen wir uns abends alle bei Istvàn und Csilla zu einem äußerst herzlichen Essen. Dort hieß es dann Abschied nehmen, denn am nächsten Morgen machten wir uns früh auf den Weg nach Hause.
Was nehme ich mit? Ich bin berührt von der Herzlichkeit und Gastfreundschaft in Zsobok. Ich bin beeindruckt, wie schön dieses Dorf geworden ist, wie hier seit Jahrzehnten zusammengearbeitet wird und wie wertvolle Freundschaften zwischen Zsobok und Murr entstanden sind.
Ich bin sehr dankbar, dass ich bei dieser Reise dabei sein durfte. Ich bin dankbar für die Murrer Gruppe, von der ich ein Teil sein durfte und für die Offenheit der Menschen in Zsobok, mit denen ich zusammensitzen und mich austauschen konnte. Der Wunsch bleibt, ein dauerhafter Teil dieser Kooperation zu werden.
Und so glaube ich ganz einfach an unsere Ideen, die wir in diesen vier Tagen zusammen gesponnen haben und freue mich, wenn wir gemeinsam die eine oder andere verwirklichen können.





